Hundert Jahre Orchesterverein Chur (OVC)

Ein Aufsatz von Hans Luzius Marx zum Jubiläum „100 Jahre Orchesterverein Chur“ ist im Bündner Jahrbuch 2012 (Tardis-Verlag) erschienen, das im Buchhandel erhältlich ist.

Für das Musikleben der Stadt Chur war es ein glücklicher und nachhaltiger Entscheid, dass der stattliche Männerchor Chur im August 1908 den jungen Musiker Ernst Schweri (1883–1957) zu seinem Dirigenten wählte. Bereits vier Jahre später beschloss der Vorstand des Männerchors den Versuch zu wagen, ein Orchester zu gründen. Auf einen Aufruf in der Presse fanden sich 30 Musikliebhaber, Männer und Frauen, Schülerinnen und Schüler zusammen, die unter Schweris Leitung eine Haydn-Sinfonie einstudierten und im nächsten Konzert des Männerchors aufführten.Ernst Schweri

Ermutigt durch diesen gelungenen Start erfolgte im September 1912 die Gründung des Männerchororchesters. Obwohl dieses Orchester zunächst für die Begleitung von Chorwerken gegründet wurde, nannten schon die ersten Statuten als  Aufgaben des Orchesters „die Pflege gediegener Orchester-Musik“ und „die Mitwirkung bei Aufführungen von Chorwerken mit Orchesterbegleitung“. So fanden ab 1913 jährlich zwei  Sinfoniekonzerte unter Leitung von Ernst Schweri nebst zwei bis drei Chorkonzerten unter Mitwirkung des Orchesters statt. Der Männerchor Chur führte in den nächsten rund drei Jahrzehnten jedes Jahr Werke mit Orchesterbegleitung auf. Bis in die 1940er Jahre wirkte der Orchesterverein bei den Oratorienaufführungen des Evangelischen Kirchenchors Chur mit und arbeitete gelegentlich auch mit anderen Chören zusammen. 1916 trennte sich das Orchester organisatorisch vom Männerchor,  änderte  jedoch erst 1927 seinen Namen in Orchesterverein Chur. Um dem Orchester den nötigen Nachwuchs zu sichern, wurde 1913 die Orchesterschule gegründet, die 1919 als Musikschule vom Orchester organisatorisch getrennt wurde.  Seit 1936 ist das Orchester Mitglied des Eidgenössischen Orchesterverbandes (EOV).  Die Sinfoniekonzerte des OVC waren in den ersten 25 Jahren fast die einzige Möglichkeit für die Churer Musikfreunde, wichtigen Werken der Klassik und Romantik im Konzert zu begegnen. Von Anfang an engagierte das Orchester für seine Konzerte Instrumental- und Gesangssolisten, oft junge Musikerinnen und Musiker aus Graubünden, aber auch bekannte Künstler aus dem Unterland.

OVC Chur 1932

Nach dem Jubiläumskonzert 1937 musste Ernst Schweri die Leitung des Orchesters nach 25 Jahren abgeben, da er als Hauptlehrer für Musikunterricht an die Kantonsschule gewählt wurde. Sein Nachfolger wurdeAntoine Elisee Cherbuliez Dr. Antoine-Elisée Cherbuliez (1888–1964), der seit einigen Jahren in Chur wohnte, an der Musikschule unterrichtete, den Gemischten Chor Chur geleitet hatte und als Cellist im OVC mitspielte. Dr. Cherbuliez konnte ein leistungsfähiges und in Chur und Umgebung anerkanntes Liebhaberorchester übernehmen und mit ihm im Sinne seines Vorgängers weiterarbeiten, also besonders Musik der Klassik und Romantik pflegen. Er  ermöglichte dem Churer Publikum auch die Begegnung mit bekannten Solisten. Doch auch in dieser Zeit blieb das Orchester mit Ernst Schweri verbunden, der weiterhin mit dem Männerchor und dem Cäcilienverein (heute Domchor) Chor- und Orchesterkonzerte einstudierte und aufführte.

Ernst Schweri wurde Mitte 1949 als Lehrer an der Kantonsschule pensioniert. Gerne übernahm er nochmals die Leitung des Orchestervereins bis zu seiner Erkrankung während den Vorbereitungen des Sinfoniekonzertes von 1955. Der Konzertmeister und Vizedirigent Willy Byland führte die Proben weiter und leitete im März 1955 das Sinfoniekonzert mit dem Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur von Beethoven (Solistin: Gertrud Bühler) und der grossen Sinfonie C-Dur von Schubert. Kurz darauf wählte das Orchester nach dem Rücktritt von Ernst Schweri Willy Byland (1912–1975) zum Dirigenten. Er erweiterte die Konzertprogramme vermehrt durch Musik aus der Barockzeit. Vor allem wagte er es, das Orchester und die Konzertbesucher behutsam mit zeitgenössischen Kompositionen bekannt zu machen. Auch unter Willy Bylands Leitung kam es noch regelmässig zur Zusammenarbeit des Orchesters mit Chören. Völlig unerwartet traf am 6. Mai 1975 die schmerzliche Nachricht vom Unfalltod Willy Bylands das Orchester und die Churer Musikfreunde.

Als Nachfolger wählte das Orchester Luzi Müller (geb. 1947), seit 1973 Konzertmeister. Luzi MüllerIn den ersten Jahren seiner Dirigententätigkeit hielt er sich weitgehend an die bewährte Programmgestaltung seiner Vorgänger. Doch war er von Anfang an bestrebt, den OVC zu einem Sinfonieorchester zu erweitern. Als begeisternder Lehrer und initiativer Musiker fand Luzi Müller bald neue Aufgaben für das Orchester. Mit kommentierten Konzerten für Schüler leistete der OVC während einigen Jahren einen Beitrag zur Musikerziehung der Jugend. In der Programmgestaltung suchte er neue Wege, indem er vermehrt  wenig bekannte und in Chur kaum je aufgeführte Werke in die Konzertprogramme aufnahm oder Programme unter ein gemeinsames Thema stellte. Neuland betrat das Orchester auf dem Gebiet der Oper. Von  Mozarts „Entführung aus dem Serail“, fanden 1991 konzertante Aufführungen in Chur statt. 2009 folgte eine szenische Aufführung der Haydn-Oper: Lo speziale (Der Apotheker) und 2011 übernahm der OVC den Orchesterpart beim Opernprojekt der Kantonsschule Sargans  „Zar und Zimmermann“ von Lortzing. Mit originellen Ideen, mit Schwung und Optimismus, besonders aber mit unermüdlicher sorgfältiger Probenarbeit führt Luzi Müller das Orchester und die Konzertbesucher zu immer neuen musikalischen Erlebnissen und Entdeckungen.

Ein Höhepunkt, jedoch nicht der Abschluss in seiner Tätigkeit als Dirigent des Orchestervereins war für Luzi Müller das Jubiläumskonzert zum hundertjährigen Bestehen im Juni 2012.  Auf dem Konzertprogramm standen Werke aus den Epochen der vier Dirigenten. Aus der Zeit von Ernst Schweri die Freischütz-Ouvertüre von Carl Maria von Weber, aus jener von Antoine-Elisée Cherbuliez das Klavierkonzert f-Moll von Frédéric Chopin. Aus der Dirigentenzeit von Willy Byland standen die Sinfonische Dichtung «Les Eolides» von César Franck, die «Pavane Couleur du temps» von Frank Martin und das Beethoven-Lied «An die Hoffnung», orchestriert von Willy Byland, auf dem Programm. Den Abschluss bildete die Uraufführung des Auftragswerks «Hörblicke» von Robert Grossmann.

Luzi Müller führte das Orchester auch noch ins zweite Jahrhundert. Im März 2013 übernahm der OVC den Orchesterpart des Oratoriums «Das Sühnopfer des neuen Bundes» von Carl Loewe mit dem Chor der Comanderkirche unter Leitung von Mattias Müller. In seinem Abschiedskonzert vom 28. April 2013 dirigierte Luzi Müller von Mozert die Idomeneo-Ouvertüre und das Klarinettenkonzert A-Dur mit dem Solisten Livio Russi. Den Abschluss bildete die Haydn-Sinfonie Nr. 101 «Die Uhr».

Nach der Sommerpause übernahm Gaudens Bieri den Dirigentenstab für vier Jahre, während denen er in Leipzig seine Dirigentenausbildung weiterführte und mit Erfolg abschloss. Unter seiner Leitung trat der Orchesterverein in fünf Sinfoniekonzerten und einem Opernprogramm auf mit einigen anspruchsvollen Werken von Mendelssohn (5. Sinfonie, 2 Ouvertüren), Dvorak (6. Sinfonie), Schubert (1. und 5. Sinfonie), Malcom Arnold  (5. Sinfonie), Bruch (Violinkonzert), Elgar (Cellokonzert). Eine heitere Note in die Orchesterarbeit brachten das Konzert «Opernzauber» mit Ouvertüren, Arien und Ensembles aus bekannten Opern im April 2016 und die Orchestervariationen «Um die Welt» von André Desponds nach der 6. Dvorak-Sinfonie im Oktober 2017.

Aus zahlreichen Bewerbungen wählte das Orchester Hugo Bollschweiler, Zürich, zum neuen Dirigenten. Er stellte sich im April 2018 mit einem musikalisch-literarischen Programm «Musik meets Poetry» den Churer Musikfreunden vor. Im November 2018 wirkte das Orchester in einem Gottesdienst in der Martinskirche zum Thema «Vom Dunkel zum Licht» mit. Das Konzert vom Februar 2019 «The Mozart Songbook» stellt Instrumental- und Vokalwerke von Mozart, Leroy Andersen und Sole Porter einander gegenüber.

Hans Luzius Marx